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«Was nicht passieren darf, passiert nicht.» Diesem Ammenmärchen will die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) den Garaus machen. Denn Gewalt gegen Betagte existiert. Doch nur wenige Fälle gelangen zu den Behörden. Deshalb fordert die UBA, dass das Problem auch beim Bund zum Thema wird.

Gewalt an alten Menschen im Rahmen der häuslichen Betreuung und Pflege ist auch in der Schweiz traurige Realität. Hochrechnungen gehen davon aus, dass jeder fünfte alte Mensch Opfer von psychischer oder physischer Gewalt wird.

Die unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) fordert daher eine nationale Strategie zur Bekämpfung von Gewalt gegen alte Menschen. Die häusliche Betreuung und Pflege müsse im Rahmen des Projekts «Soziale Sicherheit 2020» des Bundes auf die politische Agenda kommen, wie die UBA an einer Medienkonferenz in Zürich fordert.

Misshandlungen alter Menschen finden statt in Form von direkter körperlicher oder seelischer Gewalt, aber auch durch Vernachlässigung. Sie passiert in allen gesellschaftlichen Schichten und betrifft beide Geschlechter. Ursache dafür ist gemäss Albert Wettstein, Präsident der UBA-Fachkommission Zürich-Schaffhausen, in vielen Fällen Überforderung und Hilflosigkeit der Angehörigen.

Extrem hohe Dunkelziffer

Repräsentative Befragungen aus verschiedenen europäischen Ländern lassen den Schluss zu, dass jede fünfte ältere Person Gewalt erfährt. Wettstein rechnet mit einer hohen Dunkelziffer von bis zu 80 Prozent. In der Regel würden die Vorfälle von den Beteiligten tabuisiert. Aufgrund der gesellschaftlichen und demographischen Entwicklung sei mit einer weiteren Verschärfung der Situation zu rechnen.

Die Mängel untersucht hat eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Auftrag der UBA. Die Studie kommt zum Schluss: Betagte, die zuhause gepflegt werden, werden öfter Opfer von Gewalt als jene, die in Heimen leben. Kritisch beurteilt wird die inadäquate Betreuung sowie teilweise die Freiheitsberaubung, Demütigung und physische Misshandlung durch die betreuende Person. In den meisten Fällen werden Aussenstehende erst aufmerksam, wenn der gesundheitliche Zustand der betreuten Person bereits bedenklich ist.

Frauen weitaus häufiger betroffen

Die polizeiliche Kriminalstatistik registrierte im Jahr 2013 8894 Fälle von häuslicher Gewalt. Von den insgesamt 9381 Geschädigten waren 420 Personen über 60 Jahre alt. Davon waren wiederum 296 Personen zwischen 60 und 69 Jahre alt und 124 Personen über 70. In allen Altersklassen waren Frauen häufiger betroffen als Männer. Mehr als die Hälfte der Beziehungen sind Paarbeziehungen oder Partnerschaften zwischen der geschädigten und der beschuldigten Person sowie ehemalige Paarbeziehungen. Danach folgen Eltern-Kind-Beziehungen und weitere Verwandtschaftsbeziehungen.

Die UBA kämpft seit 10 Jahren für die Rechte von alten Menschen. Anlaufstellen für Gewalt – beispielsweise in Heimen – gab es damals genügend, sagt Albert Wettstein. Doch die häusliche Gewalt an Betagten wurde ignoriert.

Im Auftrag des Kantons Zürich begann die UBA ihre Arbeit – bis heute mit vielen Freiwilligen. Derzeit ist die Stelle daran, in allen Regionen der Schweiz entsprechende Fachkommissionen aufzubauen. Getragen wird der Verein von diversen nationalen Alters- und Gesundheitsverbänden, darunter der Pro Senectute, der Spitex oder dem Roten Kreuz.

Präsidiert wird die UBA von der Zürcher alt Stadträtin Monika Stocker (Grüne). Sie sagt, die Zukunftspläne des Bundes beschränkten sich heute auf die ökonomische Seite der Altersstruktur. «Wenn das Projekt Soziale Sicherheit 2020 der Schwerpunkt der nationalen Alterspolitik für die nächsten Monate ist, so fordern wir, dass dabei auch qualitative und nicht nur quantitative Faktoren mit einbezogen werden. Sicherheit heisst immer auch emotionale Sicherheit, Angstfreiheit», sagt Stocker vor den Medien in Zürich.